Die „Web Content Accessibility Guidelines“ (WCAG) sind seit zwei Jahrzehnten weltweit der Standard für digitale Barrierefreiheit. In diesem Herbst bereitet das W3C die Veröffentlichung der Version 2.2 der WCAG vor. WCAG 2.2 enthält mehrere neue Erfolgskriterien, die darauf abzielen, die Anforderungen für Nutzer mit Sehbehinderungen, kognitiven Beeinträchtigungen und eingeschränkter Feinmotorik zu erweitern.
Neue Erfolgskriterien
Der WCAG 2.2-Entwurf enthält derzeit neun neue Erfolgskriterien. Diese befinden sich noch in der aktiven Entwicklung, sodass nicht garantiert werden kann, dass alle davon in die endgültige Empfehlung aufgenommen werden. Die Liste der neuen Erfolgskriterien laut dem Entwurf zur breiten Begutachtung vom 11. August lautet wie folgt:
- 2.4.11 Darstellung des Fokus (Mindestanforderung) (Stufe AA)
- 2.4.12 Darstellung des Fokus (erweitert) (Stufe AAA)
- 2.4.13 Feste Bezugspunkte (Stufe A)
- 2.5.7 Ziehen (Stufe AA)
- 2.5.8 Abstand zwischen Zeiger und Ziel (Stufe AA)
- 3.2.6 Leicht auffindbare Hilfe (Stufe A)
- 3.2.7 Versteckte Steuerelemente (Stufe AA)
- 3.3.7 Barrierefreie Authentifizierung (Stufe A)
- 3.3.8 Redundanter Eintrag (Stufe A)
Darstellung des Fokus
Diese beiden Erfolgskriterien stellen sicher, dass sehende Nutzer, die mit der Tastatur durch die Webseite navigieren, über einen deutlich sichtbaren „Fokusindikator“ verfügen, der anzeigt, an welcher Stelle der Seite sie sich gerade befinden. Dies geht über die bestehende Anforderung 2.4.7 zur Sichtbarkeit des Fokus hinaus, da hier eine Mindestgröße für den Fokusindikator sowie ein Mindestkontrast festgelegt werden. Die Variante der Stufe AA sieht ein Kontrastverhältnis von 3:1 vor. Auf Stufe AAA erhöht sich das erwartete Kontrastverhältnis auf 4,5:1.
Feste Bezugspunkte
Diese Anforderung gilt speziell für EPUB und andere ähnliche Publikationsformate. Sie schreibt vor, dass Elemente wie Seitenzahlen und andere Seitenumbruchmarkierungen barrierefrei zugänglich sind und an derselben Stelle im Inhalt unverändert bleiben, wenn ein Nutzer die Darstellung der Seite anpasst. Dies hilft den Nutzern dabei, den Anfang und das Ende von Seiten zu erkennen, auch wenn diese Seiten unterschiedlich gestaltet sind.
Ziehen
Drag-and-Drop-Aktionen erfordern eine relativ präzise Bewegung und die Fähigkeit, den Finger auf der Schaltfläche bzw. dem Bildschirm zu halten, ohne ihn versehentlich loszulassen. Für manche Menschen mit motorischen Einschränkungen kann dies eine Herausforderung darstellen. Aus diesem Grund schreibt dieses neue Erfolgskriterium vor, dass Drag-and-Drop nicht die einzige Möglichkeit sein darf, bestimmte Aktionen auszuführen.
Größe des Zeigerziels
Das Betätigen einer kleinen Schaltfläche auf einem Touchscreen stellt für viele Menschen eine Herausforderung dar, insbesondere jedoch für Menschen, die Schwierigkeiten mit der Feinmotorik ihrer Hände haben. Dies gilt gleichermaßen für die Verwendung der Maus oder anderer Zeigegeräte. Dieses Erfolgskriterium legt einen Mindestabstand fest, den zwei interaktive Elemente voneinander haben müssen, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass Nutzer versehentlich das falsche Element aktivieren. Dieses Erfolgskriterium ergänzt das Erfolgskriterium 2.5.5 „Zielgröße“, das in WCAG 2.1 auf Stufe AAA hinzugefügt wurde.
Hilfe finden
Dieses Erfolgskriterium erleichtert es Nutzern, die Hilfe benötigen, diese zu finden. Das Kriterium schreibt vor, dass, sofern Hilfefunktionen (wie Kontaktinformationen oder eine FAQ) an einer Stelle der Website oder Web-App verfügbar sind, diese Informationen oder ein Link dorthin auf jeder Seite an derselben Stelle zu finden sein müssen.
Versteckte Bedienelemente
Steuerelemente zum Abschließen eines Vorgangs, wie beispielsweise Absenden-Schaltflächen in einem Formular oder die „Senden“-Schaltfläche in einem E-Mail-Programm, müssen gut sichtbar sein. Dies hilft den Nutzern, schnell zu verstehen, wie sie eine Aufgabe erledigen können. Manche Designer blenden Schaltflächen aus, um die Seite übersichtlicher zu gestalten. Wenn dies jedoch bei Steuerelementen geschieht, die zum Ausführen einer Aktion dienen, kann es für Besucher schwierig werden, die Aufgabe überhaupt zu erledigen.
Barrierefreie Authentifizierung
Das Einloggen auf einer Website oder in einer App kann mühsam sein. Nutzer vergessen ihre Passwörter, und das Eingeben von Authentifizierungscodes, die an das Smartphone gesendet werden, in das entsprechende Feld ist fehleranfällig. Dieses Erfolgskriterium verlangt, dass die Authentifizierung ohne solche kognitiven Herausforderungen möglich sein muss, beispielsweise durch die Einführung einer Funktion, mit der Nutzer ihr Passwort über ihre E-Mail-Adresse zurücksetzen können.
Überflüssiger Eintrag
Bei einigen Formularen müssen bestimmte Angaben mehrmals eingegeben werden, beispielsweise bei der Versand- und Rechnungsadresse. Das Ausfüllen von Formularen kann für manche Nutzer eine Belastung darstellen; daher schreibt dieses Erfolgskriterium vor, dass solche Formulare über einen Mechanismus verfügen müssen, der dies verhindert.
Veröffentlichung
WCAG 2.2 wird voraussichtlich bis Juni 2021 als offizielle W3C-Empfehlung veröffentlicht. Da die Regulierungsbehörden diese Aktualisierung übernehmen, könnte sich dies ab 2021 in verschiedenen Ländern allmählich zu einer gesetzlichen Vorschrift entwickeln.
Deque plant, WCAG 2.2 als Option für unsere Audits anzubieten, sobald es verfügbar ist. Außerdem planen wir, neue Regeln für WCAG 2.2 unter axe-core hinzuzufügen sowie neue geführte Tests in axe Beta zu integrieren.